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Interview mit Joe Musa

Joe aus Sierra Leone

gibt mit viel Idealismus sein Know-how an Landwirt*innen weiter, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

Joe (42) ist frisch verheiratet und lebt mit seiner Frau in einem gemieteten Haus in Makeni, etwa 120 km nordöstlich von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone. Das Land ist ca. 12.000 km2 kleiner als Österreich bei einer Einwohnerzahl von über 7 Millionen Menschen. An der University of Freetown hat Joe Land- und Forstwirtschaft studiert. Sein Know-how gibt er mit viel Idealismus seit 10 Jahren an Landwirt*innen weiter, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

Wissen, welches nach dem blutigen Bürgerkrieg (März 1991 – Jänner 2002) und der Ebola Krise (März 2014-März 2016) dringend nötig ist.

Was waren deine größten Erfolge und Herausforderungen?

Es war sehr schwierig Unterstützung zu erhalten. Ich wollte einen Weg finden, damit Landwirt*innen wirtschaftlich unabhängig sind, genug zu essen haben und ihr Handeln keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt hat. Nächte lang habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wie ich es am geschicktesten anstelle, mein Projekt so zu bewerben, dass sich möglichst viele Menschen dafür interessieren und sich für mein Vorhaben begeistern. Es war ein langer Weg mit Rückschlägen. Umso schöner war es zu sehen, dass Menschen bald Erfolgserlebnisse hatten. Sie realisierten, dass eine nachhaltige Bewirtschaftung ein Gewinn auf allen Ebenen ist und der Anbau von Cashewkernen lukrativ ist. Bis jetzt haben wir ca. 50 ha Brachland kultiviert und 10.000 Bäume gepflanzt.

Ich habe mit Christoph Schaaf und seiner Firma Climate Nuts einen Partner gefunden, der einen Direktvertrieb unserer Cashews nach Europa aufgebaut hat.

Was verstehst du unter nachhaltigem Cashew Anbau?

Wir pflanzen Cashews in Agroforstsystemen oder als Permakultur gemeinsam mit Reis und anderen Getreidesorten an. Cashew Bäume tragen bereits nach einigen Jahren und werden über 10 Meter hoch. Nach dem Ernten werden die Kerne vom Fruchtfleisch getrennt, getrocknet, geröstet und geknackt. Du musst wissen, in der Schale ist ein giftiges Öl enthalten. All diese Vorgänge passieren in den Dörfern selbst und schaffen zusätzliche Arbeitsplätze.

Neben Cashews, Reis und Getreide werden unter anderem Süßkartoffeln, Ocra oder Maniok angebaut bzw. Früchte wie Mangos, Zitronen oder Pflaumen.  

Wie viele Menschen profitieren vom Cashew-Projekt?

Acht Dörfer sind bis jetzt in das Projekt involviert. Pro Dorf sind wiederum 40 bis 60 Personen mit unterschiedlichsten Tätigkeiten beschäftigt. Die einzelnen Communities liegen verstreut im Umkreis von 60 bis 90 km von Makeni entfernt.

Was schätzt du besonders an deinem Heimatland?

Ich liebe unsere Natur, die Landschaft mit ihren Bergen und Seen. Ich schätze es, gemütlich mit anderen beisammenzusitzen, mich mit ihnen auszutauschen, gemeinsam zu essen. Ich mag die Art, wie wir miteinander umgehen, einfach unsere Lebensweise. Wenn ich die einzelnen Dörfer besuche, sitzen wir meist unter einem schattigen Baum, teilen unsere Ideen und diskutieren stundenlang über Landwirtschaft, die Entwicklung des Dorfes, aber auch über die Umwelt und den Klimawandel, der leider auch vor Sierra Leone nicht haltmacht.

16 Ethnien bereichern mein Land und wir leben friedlich zusammen. So ist es nicht unüblich, wenn z.B. ein Temne-Mann eine Mende-Frau oder eine Frau von einer anderen Ethnie heiratet.

Joe, du bist frisch verheiratet, magst du uns von deiner Hochzeit erzählen?

Ja, gerne. Am 4. April 2021 haben wir uns das Ja Wort gegeben. Wir heirateten nach den Ritualen der Seventh day Adventist Church. Meine Frau trug ein wunderschönes weißes Brautkleid und ich einen weißen „Bryan“ (eine Hose und eine Tunika) mit orangenfarbener Stickerei. Es war ein wunderschöner, farbenfroher Tag, an dem wir ausgelassen mit Freunden und Verwandten gefeiert haben. Leider konnten meine Eltern diesen besonderen Tag nicht mehr miterleben.

Cashew Team

Was macht dich glücklich, was traurig und was wünscht du dir für die Zukunft?

Meine liebe Frau macht mich täglich zu einem sehr glücklichen Mann. Außerdem bin ich zufrieden, wenn ich etwas in unserer Gesellschaft bewege und eine Veränderung sehe, zum Allgemeinwohl beitrage und dadurch ein Fortschritt sichtbar ist. Es erfüllt mich innerlich, wenn Bauern und Bäuerinnen die Früchte ihrer harten Arbeit ernten und dadurch in guter Stimmung sind.

Es ist kein Geheimnis, dass Sierra Leone ein Land ist mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und hoher Armut. Es stimmt mich traurig, dass Menschen, die Hilfe brauchen, sich keine leisten können, oder dass Kinder wegen des Schulgeldes nicht die Möglichkeit haben eine Schule zu besuchen.

Ich wünsche mir einen fairen Handel zwischen Europa und Afrika, damit einheimische Produzenten mit ihren lokalen Produkten mit den aus der EU importierten Waren wirtschaftlich mithalten können.

Laut Human Developement Index nimmt Sierra Leone den 182. Platz von 189 Ländern ein (Stand 2020).

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Meine Anmerkung:

Ein weiteres dunkles Kapitel in der Geschichte von Sierra Leone war der Sklavenhandel, der 1562 seinen Ausgang an der westafrikanischen Küste nahm. Auf den Inseln vor Sierra Leone, insbesondere auf Bunce und Sherbro, errichteten Engländer Stützpunkte für den Sklavenhandel. Ein Nationalheld ist Sengbe Pieh. Er entfachte auf dem Schiff „Amistad“ 1839 eine Rebellion, in der bis auf zwei Besatzungsmitglieder alle den Tod fanden. Sehen Sie hier eine kurze Zusammenfassung auf YouTube.

Freetown, oder die „freie Stadt“ wurde nach Abschaffung der Sklaverei von Rückkehrern gegründet.

Interview von Anna Kodek

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